Kapitel 1

Die Suche nach den Einhörnern

Es regnete und der schöne Schnee verwandelte sich in grauen Matsch. Timmi schlüpfte in seinen Anorak und zog die Kapuze ganz tief ins Gesicht. Draußen war es kalt und grau.
‚Kein Wunder, dass Marie krank ist’, dachte er und stopfte die Schulhefte unter seine Jacke, damit sie nichts vom Regen abbekamen. Schon seit Wochen brachte er Marie jeden Tag die Hausaufgaben. Timmi zog die Tür hinter sich zu und flitzte los.

Zum Glück wohnte Marie nur ein paar Häuser weiter. Als er ankam, war seine Jacke trotzdem durchgeweicht und seine Schuhe schlammig. Marie lag bis zum Kinn zugedeckt in ihrem Bett.
„Es ist so langweilig", sagte sie traurig. „Und der Arzt hat gemeint, dass ich noch mindestens eine Woche Bettruhe habe.“
„Na dann müssen wir mal sehen, wie wir dir die Zeit vertreiben. Sollen wir ein Bisschen fernsehen?"
„Ach nee, das mache ich doch schon den ganzen Tag.“
Timmi lies sich zu Marie aufs Bett fallen und überlegte, wie er sie aufmuntern könnte. „Dann kann ich dir ja eine Geschichte erzählen?"
„Ja, eine Geschichte wäre toll", strahlte Marie. Timmi war ein guter Geschichtenerzähler.
„Wie soll sie denn losgehen?"
„Na mit 'Es war einmal' natürlich."

***

„Es war einmal...", begann Timmi also „...vor nicht allzu langer Zeit, da bekam Spickerwicker einen neuen Bewohner. Spickerwicker ist ein kleines Dorf, das auf siebenundzwanzig kugelrunden Hügeln gebaut wurde. Was? Du kennst Spickerwicker nicht? Das liegt bestimmt daran, dass es so klein ist, dass kaum jemand es kennt. Genau dort steht auf einem der mit Gras bewachsenen Hügel ein kleines Backsteinhaus mit blauen Fensterläden. Auf dem Dach wachsen Erdbeeren und im Garten zwischen den Blumen Möhren fürs Frühstück. Weil die Tür immer offen steht, wird das Häuschen von einer gefährlichen Wachschildkröte bewacht. Ihr Name ist Elsa und sie gibt sich viel Mühe, immer rechtzeitig den Salat zu fressen, bevor ihn jemand stibitzen kann...
Du fragst dich jetzt bestimmt, wer in dem Haus wohnt. Das ist eigentlich ein Geheimnis und du musst versprechen, dass du es niemanden erzählst.“ Timmis Stimme wurde ganz leise während er redete. Jetzt flüsterte er fast und Marie musste sich immer weiter zu ihm vorbeugen, um ihn noch verstehen zu können.„In dem Häuschen mit dem Erdbeerdach wohnt das Geheimhorn. Eigentlich heißt es Knopf. Es ist ein sehr kleines Einhorn, aber auch sehr mutig und abenteuerlustig. Und das muss es auch sein. Denn es hat sich zur Aufgabe gemacht, Kindern und Tieren in Not zu helfen. Egal ob sich ein Kind verlaufen oder ein Elefant Zahnschmerzen hat, Knopf kümmert sich darum…“

„Das wäre ja cool, wenn es das wirklich gäbe!“, unterbrach ihn Marie.
„Aber das Geheimhorn gibt es wirklich. Ich erzähl dir doch keine Märchen“, empörte sich Timmi und zwinkerte ihr verschmitzt zu.
„Na klar doch!“ Marie musste lachen.
„Du glaubst mir echt nicht, oder? Kennst du nicht die Sage von den Einhörnern?“
„Nee, erzähl mal."

„Na gut. Vor ganz vielen Jahren lebten Einhörner und Menschen friedlich zusammen. Die Einhörner wohnten in den Wäldern und beschützten die Tiere und Pflanzen. Die Menschen nutzten die Felder und ernteten, was sie zum Leben brauchten. Doch mit der Zeit änderten sie sich und begannen die Natur auszubeuten. Manche wurden so habgierig, dass sie sogar die Einhörner jagten. Das Horn galt damals als Wundermittel und wurde teuer verkauft. Die Einhörner verloren mit ihren Hörnern aber auch ihre heilenden Kräfte. Einige waren so traurig, dass sie daran starben. Die anderen begannen sich zu verstecken und irgendwann verschwanden sie ganz.
Deshalb kommen Einhörner heute nur noch in Geschichten vor. Es heißt, nur Menschen, die ganz fest daran glauben, dass es Einhörner gibt und gute Absichten haben, könnten sie auch sehen. Manchmal berichten Kinder davon, dass sie ein Einhorn getroffen haben. Aber die Erwachsenen glauben ihnen dann zum Glück nicht. Die Einhörner haben sogar heute noch Angst vor den Menschen. Deshalb wohnt das Geheimhorn auch in Spickerwicker. Dort kann es von den Erwachsenen nicht gefunden werden, weil keine Menschenseele den Weg nach Spickerwicker kennt.“

***

„Also verstecken sich die Einhörner vor den Menschen?", fragte Marie leise. „Und ich dachte, sie haben magische Kräfte. Dann hätten sie sich ja auch wehren können, oder?"
„Ja, aber die Einhörner können ihre Kräfte doch nur benutzen, um Gutes zu tun."
„Und was ist so besonders an Spickerwicker, dass die Erwachsenen es nicht finden können?“
„Spickerwicker liegt in Kukuruz, einem Hochplateau auf dem Berg Imaginata. Dieser Berg ist ein besonderer Berg, weil er aus den Fantasien der Kinder entstanden ist. Die Erwachsen versuchen immer nur, logisch zu denken und alles rational zu erklären. Dadurch verlernen sie irgendwann die Fähigkeit, sich Dinge außerhalb ihrer Welt vorstellen zu können. Deshalb können sie Kukuruz und Spickerwicker nicht finden.“
Marie überlegte ein Weilchen. „Ach Quatsch, so was gibt's gar nicht!"
„Warum denn nicht?"
„Na, wenn es Einhörner tatsächlich gäbe, könnte auch eins kommen und mir helfen, wieder gesund zu werden. Ich bin ja schon lange genug krank."
„Das kommt darauf an", Timmi sah sie frech an, "ob du wirklich daran glaubst und gute Absichten hast..."
„Hey, du darfst mich gar nicht ärgern", lachte Marie und warf ihm ihr Kissen an den Kopf, „Ich bin doch krank."
„Aber lachen kannst du zum Glück noch. Wenn du jetzt auch noch ganz fest daran glaubst, schnell wieder gesund zu werden, dann wirst du vielleicht ein Einhorn sehen."
„Schön wär’s", seufzte Marie. Doch sie glaubte nicht mehr an solche Kindergeschichten.

***

Nach dem Abendessen verzog sich Timmi in sein Hauptquartier. Unterm Arm hatte er den Laptop von seinem Vati, den er sich ab und zu heimlich ausborgte. Der untere Teil seines Kleiderschranks war ein guter Ersatz, wenn es für das Baumhaus zu kalt wurde. Hier war Timmi ungestört und hatte gerade genügend Platz für seine Lieblingsbücher und die ganzen anderen wichtigen Dinge. Hier konnte sich Timmi in Ruhe neue Geschichten ausdenken.
,Ich muss Marie doch irgendwie beweisen können, dass es Einhörner gibt’, dachte sich Timmi als er mit seiner Suche im Internet begann. Er war überrascht, dass der Suchbegriff "Einhorn" fast 1,5 Millionen Treffer ergab. Das ganze Internet war voll von Geschichten über Einhörner. Es gab das unsichtbare rosafarbene Einhorn, karierte Einhörner, Trickfilmeinhörner...

Ein leises Tapsen holte Timmi wieder in die Realität zurück. Vorsichtig öffnete er die Schranktür einen Spalt und schaute heraus. Erst sah er nichts. Doch dann kam ganz zufällig Malik, sein kleiner Kater, vorbeispaziert.
„Komm rein, du kleiner Tu-nicht-gut", sagte Timmi leise und zog die Tür wieder ran. Malik schnurrte kurz um seine Beine, um es sich dann auf der Tastatur des Laptops bequem zu machen.
„Hey, du Kobold! So war das aber nicht abgemacht!" Timmi schob ihn zur Seite und Malik kuschelte sich auf seinen  Lieblingspullover.
,Zurück zu den Einhörnern’, dachte sich Timmi und machte sich erneut ans Werk. Einhörnern wurden magische Kräfte nachgesagt. Nur eine Berührung ihres Horns sollte schwere Krankheiten heilen und sogar Tote wieder zum Leben erwecken. Deshalb gab es in vielen Städten auch heute noch Einhorn-Apotheken. Im Harz existierte sogar die „Einhornhöhle", wo die Einhörner früher gelebt haben sollen.
„Dahin sind sie bestimmt geflohen, als die Menschen begannen, sie zu jagen", überlegte Timmi laut. Dann hörte er wieder ein leises Tapsen und Scharren.

***

„Was ist denn Malik?", fragte er. Aber der kleine Kater lag zusammengerollt neben ihm und schlief friedlich. Timmi wunderte sich.
Als er erneut das Geräusch hörte, öffnete er ganz leise die Schranktür. Nur so weit, dass er vorsichtig hinausschielen konnte. In seinem Zimmer war es ganz dunkel. Bloß das Aquarium leuchtete matt. Timmi konnte nichts Ungewöhnliches entdecken.
„Trapp. Trapp. Trapp."
„Was ist denn das?", Timmi steckte seinen Kopf zur Tür raus und...

...merkte etwas Feuchtes in seinem Gesicht. Eine riesige Zunge leckte ihm über seine rechte Wange.
„Iiih!", rief Timmi erschrocken und schaute in zwei große blaue Augen.
Er rutschte soweit zurück bis sein Rücken die Wand des Schranks berührte. Er traute seinen Augen kaum. Misstrauisch musterte er das Wesen, das da vor ihm stand. Angst einflößend sah es nicht aus, eher wie ein zu klein geratenes Pony. Sein Fell war ganz weiß, der Schwanz jedoch himmelblau. Und auf seiner Stirn thronte ein kleines ebenfalls balues Horn.
„Bist du wirklich ein Einhorn?", fragte er als er nach einer kurzen Weile seine Sprache wieder gefunden hatte. „Wie heißt du denn?"
Das Geheimhorn lachte und schob seinen Kopf durch den Türspalt.
„Du hast doch deiner Freundin heute Nachmittag erst von mir erzählt.“ Das kleine Einhorn zwinkerte Timmi zu.

„Timmi." Seine Mutti beugte sich über ihn und streichelte ihm über den Kopf. „Timmi, du bist wieder im Schrank eingeschlafen. Komm, im Bett ist es doch bequemer."
Timmi rieb sich die Augen und kletterte müde ins Bett. Von dem Einhorn fehlte jede Spur.

 


 

Soll Timmi Marie in seine Pläne einweihen?

Nein, sie würde sich nur Sorgen machen. - 60%
Ja, sie kann ihn beraten. - 40%
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