Kapitel 2

Hilfe für Marie

„Marie!", rief Timmi aufgeregt, als er am nächsten Tag nach der Schule in ihr Zimmer stürmte. „Ich muss dir unbedingt erzählen, was mir gestern Abend passiert ist!"
„Jetzt hol doch erstmal Luft!“ Marie schüttelte mit dem Kopf und lächelte müde.
Timmi war noch ganz außer Atem. Der sportlichste war er nun nicht gerade. Er hatte noch nicht einmal seinen Rucksack abgestellt, da sprudelte es nur so aus ihm heraus. Er berichtete von seiner Suche im Internet, den vielen Spuren der Einhörner, den unheimlichen Geräuschen und seiner Unterhaltung mit dem Einhorn. Marie lauschte ihm gebannt.
„…und als meine Mutti rein kam, war es plötzlich verschwunden.“
„Bist du ganz sicher, dass du das nicht geträumt hast?“
„So sicher wie der Tresor von Dagobert Duck!“

Noch lange nachdem Timmi gegangen war, dachte Marie an die Geschichte von dem Einhorn in seinem Kleiderschrank. Ob sie auch mal ein Einhorn besuchen würde? Marie war sich immer noch nicht so sicher, ob sie wirklich existierten. Vor dem Schlafengehen hielt sie es dann nicht mehr aus. Sie musste noch einmal mit Timmi reden. Als Marie anrief, saß er schon wieder in seinem Versteck, um weiter nach den Einhörnern zu forschen.
„Sag mal, was muss ich denn machen, damit zu mir auch ein Einhorn kommt?“
„Ich habe gerade gelesen, dass du es dir wünschen musst. Dann kannst du nur warten und ganz fest daran glauben.“
„Na, wenn das wirklich so einfach ist, probiere ich es vorm Schlafengehen gleich mal aus.“
Marie kuschelte sich wieder in ihr Bett. Ganz sicher war sie sich noch nicht. Trotzdem setzte sie sich hin und flüsterte zögerlich: „Ich wünsche mir, dass ein Einhorn zu mir kommt.“
Marie musste kichern, weil sie sich albern vorkam. Nichts passierte.
„Wenn es da draußen ein Einhorn gibt, das mir helfen möchte, gesund zu werden, dann komm bitte zu mir!“ Dieses Mal sagte sie es etwas lauter, aber immer noch so leise, dass niemand anderes es hören konnte. Dann schlief sie ein.

***

Als Timmi sie am nächsten Tag besuchte, mussten beide enttäuscht feststellen, dass keiner von ihnen nächtlichen Besuch von einem Einhorn bekommen hatte.
„Wahrscheinlich hatte Knopf einen dringenden Auftrag zu erledigen“, überlegte Timmi. „Denn seit es von zu Hause weggegangen ist, um heimlich anderen zu helfen, hat es alle Hufe voll zu tun. Sicherlich bereitet es gerade in Spickerwicker einen neuen Einsatz vor.“
„Vielleicht hat es ja seine Zentrale in dem Häuschen mit dem Erdbeerdach. Da steht bestimmt ein großer, moderner Computer und ganz viele andere tolle Sachen.“
„Stimmt, das Geheimhorn muss ja eine Hauptzentrale haben. Woher wüsste es sonst immer, wann es gebraucht wird und wie es die Kinder findet?“
Marie konnte es sich genau ausmalen, wie es in Spickerwicker sein könnte. Vielleicht wäre das Gras dort nicht nur grün und die Bäume in Wirklichkeit riesige Sonnenblumen…

Doch nach einer Weile unterbrach Timmi sie entschuldigend: „Ich kann heute leider nicht so lange bleiben. Malik ist weggelaufen und wir wollen ihn noch suchen bevor es dunkel wird.“
„Was? Euer kleiner Kater? Seit wann ist er denn schon verschwunden?“
„Ich habe ihn seit zwei Tagen nicht mehr gesehen. Und Malik verpasst sonst nie eine Malzeit!“
Während Timmi gemeinsam mit seinen Eltern den ganzen Nachmittag alle Lieblingsplätze von Malik absuchte, blieb Marie nichts anderes übrig, als die Daumen zu drücken, dass sie ihn bald finden würden. Timmi suchte wirklich überall, sogar im Stadtpark, obwohl es dort so viele Hunde gab. Doch trotz des langen Suchens tauchte der kleine Kater nicht wieder auf. Er schien wie vom Erdboden verschluckt. Später saß Timmi traurig in seinem Hauptquartier und berichtete Marie am Telefon von der erfolglosen Suche.
„Malik kommt bestimmt bald wieder zurück“, versuchte Marie ihn zu trösten. Normalerweise war es immer umgekehrt und Timmi musste sie aufmuntern.
„Ich weiß wirklich nicht, wo Malik noch stecken könnte.“
„Und ich kann nicht einmal Suchen helfen.“
Doch bevor auch Marie wieder traurig wurde, wechselte Timmi schnell das Thema und erzählte ihr von der Kurzkontrolle im Matheunterricht. Später im Bett wartete Timmi noch so lange auf Malik, bis ihm die Augen zufielen. Und auch vom Geheimhorn fehlte wieder jede Spur.

***

‚Zum Glück gibt es hier Teppichboden’, dachte das freche Einhorn als es so leise wie möglich in das Zimmer schlich. Es war zwar unsichtbar, aber das Klappern seiner Hufe, hatte es schon öfter verraten. Am Fußende von Maries Bett verharrte Knopf kurz und sah sich um. Marie war mit einem Buch in der Hand eingeschlafen.
Dann schnappte sich Knopf ihre Bettdecke und zog sie ihr mit einem Ruck weg. Marie erschrak und wurde langsam wach. Verschlafen rieb sie sich die Augen.
„Ist da jemand?“
Doch in ihrem Zimmer war es ganz leise und Marie angelte sich ihre Bettdecke vom Boden.
‚Dann habe ich bestimmt nur geträumt’, dachte sie und kuschelte sich wieder ins Bett. Gerade als sie ihre Augen wieder geschlossen hatte, hörte sie ein Niesen. Sie sah sich um. Da unter ihrem Schreibtisch, dort hatte sich doch was bewegt! Mit ihrem Kopfkissen bewaffnet, schlich sie ums Bett. Sie war fast beim Schreibtisch angekommen, als sie ein leises Wimmern hörte.
‚Das kommt doch von draußen’, dachte sie.
Rasch ging sie zum Fenster und sah hinaus in die graue Winternacht. Erst konnte sie nichts Ungewöhnliches erkennen. Doch als das Weinen nicht aufhörte, entdeckte sie Malik, der mautzend auf einer großen Linde vor ihrem Fenster saß.
‚Oh, nein. Malik traut sich bestimmt nicht wieder runter, so hoch wie das ist.’, dachte sie und sah kurz auf ihre Armbanduhr. Es war schon sehr spät, aber sie musste Timmi unbedingt sofort Bescheid sagen.

Es dauerte nicht lange, bis er und sein Vater mit einer riesigen Leiter auftauchten, um Malik vom Baum zu holen. Timmi durfte zwar nicht helfen, aber diese waghalsige Rettungsaktion wollte er sich auch nicht entgehen lassen. Gemeinsam mit Marie stand er am Fenster und beobachtete, wie sein Vater vorsichtig auf die riesige Leiter kletterte.
„Aber eins verstehe ich immer noch nicht“, wunderte er sich. „Warum schaust du denn mitten in der Nacht aus dem Fenster?“
„Ich bin wach geworden, weil mir jemand die Bettdecke geklaut hat.“
„Was? Wer klaut dir denn die Decke?“
„Ich wollte gerade nachsehen, als ich Malik weinen gehört habe. Da war irgendetwas unter meinem Schreibtisch.“
Als Marie jetzt nachsah war natürlich nichts Ungewöhnliches unter ihrem Schreibtisch zu sehen. Nur ihre Bilder, die sie heute mit Wasserfarben gemalt hatte, lagen dort zum trocknen. Doch dann wurde sie stutzig.

***

„Sieh dir das mal an“, rief Marie Timmi zu, der immer noch am Fenster stand. Die Bilder waren ein wenig durcheinander geraten, vielleicht durch den Wind. Aber auf dem Teppich konnten sie eindeutig Hufabdrücke erkennen.
„Na, ich glaube, du hattest vorhin Besuch“, sagt Timmi. „Ich habe da auch schon einen Verdacht.“
„Das sind doch kleine Hufe, oder?“
Sie sahen sich im Zimmer um. Die Spur wurde zwar immer schwächer, aber sie wies eindeutig in Richtung Vorhang.
„Knopf?“, fragte Timmi leise. „Du kannst rauskommen. Hier sind nur Marie und ich.“
Leise bewegte sich etwas hinter dem Vorhang. Marie konnte es genau sehen. Erst erkannte sie einen blauen Schweif. Dann sah sie ein weißes Bein mit einem pinkfarbenen Huf. Und im nächsten Moment hatte sich das kleine Einhorn komplett im Vorhang verwickelt. Timmi musste ihm helfen, damit es sich aus den langen Stoffbahnen befreien konnte.
„Ich hätte nicht gedacht, dass das Ausparken so schwierig wird.“ Das Einhorn lachte und zwinkerte Timmi lustig zu. „Du kannst dich ja doch an meinen Namen erinnern.“
„Was machst du denn hier?“
„Ich wollte ohne viel Aufsehen zu erregen, Marie wecken, damit sie Malik findet. Er ist mir vorgestern nachgelaufen und hat mir davon erzählt, dass Marie immer so traurig ist. Deshalb dachten wir, es wäre gut, wenn Marie ihn finden würde.“
„Malik war die ganze Zeit bei dir? Und er ist auf diesen hohen Baum geklettert, um Marie zu helfen? Malik hat doch Höhenangst.“

Marie hatte die ganze Zeit regungslos daneben gestanden und erstaunt das Einhorn betrachtet. Jetzt fand sie langsam ihre Fassung wieder. „Verstehst du, was es sagt?“
„Na klar. Knopf hat doch gerade erzählt, wie Malik auf den Baum gekommen ist.“
„Ich hab nur ein Wiehern gehört.“
Timmi wunderte sich.

„Oh nein, hoffentlich komme ich nicht zu spät“, mischte sich das Geheimhorn jetzt wieder ein. „Sag ihr, sie braucht keine Angst zu haben. Vielleicht kann sie mich dann verstehen.“
„Hab keine Angst“, übersetzte Timmi, auch wenn es ihm seltsam vorkam. „Es beißt nicht.“  Warum konnte er Knopf verstehen und Marie nicht?
Zögerlich ging sie auf Knopf zu und streichelte vorsichtig sein weiches Fell. Es schien ihm zu gefallen.
„Verstehst du mich jetzt besser?“

Aber Marie sah das Einhorn wieder nur fragend an.
„Das verstehe ich nicht.“ Timmi war ganz erstaunt darüber.
„Ich erkläre dir alles später.“
Das kleine Einhorn wurde plötzlich nervös. Im selben Moment ging auch schon die Tür auf und Timmis Vater kam herein. Malik hatte er wohlbehalten auf dem Arm.
„Nimm du ihn und pass auf, dass er nicht wieder ausbüchst. Er hat erstmal Stubenarrest, der Stubentiger.“
Knopf war wie vom Erdboden verschwunden. Timmi schnappte sich Malik und passte auf, dass er nicht noch einmal ausbüchsen konnte.
„Tut mir leid, dass du Stubenarrest hast“, flüsterte er ihm leise zu. „Aber ich bin stolz auf dich!“ Dann gingen sie nach Hause.

***

Erst nachdem sich der ganze Trubel gelegt hatte und alle wieder im Bett waren, tauchte das Einhorn bei Timmi auf. Zielstrebig ging es zum Kopfende und weckte ihn mit seinem bekannten Abschleckgruß.
„Musst du das immer machen?“, empörte sich Timmi und wischte sein Gesicht an der Bettdecke ab. Knopf lachte.
Dann kletterten beide in den Schrank. Nur vorsichtshalber, falls die Erwachsenen doch noch nicht schlafen sollten. Timmis Hauptquartier war eigentlich ein Bisschen zu eng für die beiden.
„Wie machst du das immer, dass du so plötzlich verschwindest?“
„Das ist geheim.“ Knopf zwinkerte ihn wieder lustig an.
„Das hätte ich mir ja denken können“, grinste Timmi. „Aber weißt du, was mit Marie los ist? Warum konnte sie dich vorhin denn nicht verstehen?“
„Dir ist doch bestimmt aufgefallen, dass Marie oft traurig war, oder? Wann hast du sie denn das letzte Mal lachen sehen?“
„Das war so vor drei Tagen, als ich ihr von den Einhörnern erzählt habe. Seitdem eigentlich nicht mehr.“
„Das ist gut, dann können wir ihr noch helfen.“
„Wie meinst du das?“
„Wenn mich jemand nicht versteht, dann aus dem Grund, dass derjenige keine Träume mehr hat. Und wer nicht träumt, der hat auch nichts zu lachen.“
„Stimmt, nicht einmal, dass wir Malik wieder gefunden haben, hat Marie vorhin so richtig gefreut.“
„Das ist leider kein gutes Zeichen. Sie ist in Gefahr, noch kranker zu werden, wenn sie ihre Träume nicht wieder findet. Aber es gibt noch Hoffnung. Immerhin konnte sie mich sehen. Das heißt, sie wünscht es sich. Sie will wieder gesund werden.“

***

Die Gedanken fuhren Achterbahn in Timmis Kopf. Er hatte so viele Fragen. Wann hatte Marie ihr Lachen verloren? Was war mit ihren Träumen passiert? Was konnte er jetzt noch tun?
„Es gibt nur eine Möglichkeit, wenn du Marie helfen willst“, riss ihn Knopf aus seinen Gedanken.
„Ja, welche denn?“
Knopf holte tief Luft und sah Timmi zum ersten Mal  ernst an: „Du musst mit mir nach Kukuruz kommen.“
Timmi überlegte nicht lange.
„Nach Kukuruz? Ich? Geht denn das?“
„Der Weg ist sehr einsam und gefährlich. Er erfordert viel Mut und Vertrauen. Du kannst ihn nur finden, wenn du es wirklich  willst.“
Timmi nickte. Er hatte mit den Helden aus seinen Büchern schon manches Abenteuer erlebt. Aber er selbst war alles andere als mutig. Trotzdem stand seine Entscheidung fest. Er wollte Marie unbedingt helfen, auch wenn er ein mulmiges Gefühl hatte.
„Okay, was soll ich tun?“

„Als erstes musst du ein Einhorn rufen und ihm einen Namen geben. Aber das hast du ja schon getan.“ Knopf lächelte kurz bevor es weitererzählte.
„Warte auf eine Vollmondnacht und starte nicht vor Einbruch der Dämmerung. Achte darauf, dass dich niemand sieht. Wichtig ist, du darfst nur drei Dinge mitnehmen. Du musst dir gut überlegen, welche das sind. Der Mond wird dir die Richtung zeigen. Folge ihm, bis du zu einer großen Eiche gelangst. Um Mitternacht, wenn der Mond am hellsten ist, musst du an ihrem Stamm nach einem Astloch in Blattform suchen. Das weist wie ein Pfeil in die Richtung eines Bogens. Suche den Bogen und nimm all deinen Mut zusammen. Denn danach kommt der schwierigste Teil. Stelle dich unter den Bogen, schließe deine Augen, drehe dich zweieinhalb mal um deine eigene Achse und…“ Knopf zögerte kurz und Timmi wartete gespannt, was jetzt kommen würde. „…lass dich nach hinten fallen und hab Vertrauen. Wenn du nur einen Moment zweifelst, wirst du auf den Boden krachen und dir wehtun. Falls es klappt, warte ich schon auf dich.“
„Das bekomme ich schon hin“, sagte Timmi zuversichtlich.
Aber das flaue Gefühl in seinem Magen blieb. Knopf nickte und überlegte, ob es ihm von den Wolfsschatten erzählen sollte. Es wollte Timmi nicht unnötig beunruhigen. Aber musste es ihn nicht vorher warnen?

 


 

Soll Timmi Marie in seine Pläne einweihen?

Nein, sie würde sich nur Sorgen machen. - 60%
Ja, sie kann ihn beraten. - 40%
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